Bioplastik und Rohöl – ein Zusammenhang


Immer, wenn die Ölpreise an Europas wichtigstem Handelsplatz in Rotterdam einen Sprung nach oben machen, treibt es Ralf Kindervater ein schelmisches Lächeln ins Gesicht. Der provomierte Chemiker ist Kunststofflobbyist. Nur versucht er kein gewöhnliches Vinyl oder PVC an den Mann zu bringen, sondern Biokunststoffe. Sie werden nicht auf Erdöl-, sondern auf pflanzlicher Basis hergestellt.

„Jahrzehntelang hat der niedrige Preis des Erdöls eine Entwicklung der Biokunststoffe verhindert“, sagt Kindervater, Geschäftsführer der Biopro Baden-Württemberg, einer Landesgesellschaft, die sich zum Ziel gemacht hat, Biotechnologien auf breiter Front voranzutreiben. „Aber so langsam ändert sich das“, sagt er. Der Grund: Jeder neue Höchststand bei Rohöl macht seine Produkte auf pflanzlicher Basis ein Stück konkurrenzfähiger.

Die Kunststoffproduktion ist in Deutschland ein Milliardenmarkt. Rund 20 Millionen Tonnen werden jedes Jahr hergestellt. Weit über 20 Milliarden Euro setzt die Branche dabei um. Und die Welt will immer mehr von den mal harten, mal weichen Stoffen. Seit den 1950er Jahren steigt die Kunststoffproduktion im weltweiten Mittel um etwa neun Prozent – jedes Jahr.

Die Rizinusbohne macht dem Erdöl Konkurrenz

In jüngster Vergangenheit ist der Boom allerdings ins Stocken geraten. Als die Rohölpreise im Sommer 2008 ihr Allzeithoch erreichten, wurde davon der ganze Sektor der Kunststoff-Chemie hart getroffen. Die auf Rohölbasis gefertigten Produkte verteuerten sich derart, dass die Nachfrage dramatisch einbrach. Dazu kam die Wirtschaftskrise, die den Absatz negativ beeinflusste. Chemie-Giganten wie die Ludwigshafener BASF legten damals ganze Anlagen still und haben sie teilweise bis heute nicht mehr hochgefahren. Als die Nachfrage wieder anzog, wurden Produkte wie Polyamid, wie es etwa für Dübel oder Kunstfasern eingesetzt wird, über Monate knapp. Wieder spielten die Preise verrückt. „Damals setzte sich die Einsicht durch, dass die ausschließliche Fixierung auf eine erdölbasierte Wirtschaft ein Holzweg ist“, sagt Chemiker Kindervater.

Diese Botschaft ist mittlerweile bei vielen Firmen angekommen. Immer mehr Betriebe suchen nach Alternativen zum Erdöl und stoßen dabei beispielsweise auf Ökokunststoffe. Diese werden auf Basis von Rizinusöl – eigentlich ein Abführmittel – hergestellt. Mitunter übernehmen auch Bakterien und Mikroorganismen die Produktion der Ausgangsstoffe. Zwischen 20 und 30 Firmen beschäftigen sich nach Kindervaters Angaben allein in Baden-Württemberg mit dem Thema.

Und darunter sind bei weitem nicht nur Öko-Idealisten. Weltweit bekannte Unternehmen wie Daimler, Bosch oder die Schwarzwälder Fischerwerke sehen in den Ökoprodukten mittlerweile einen Markt. In der neuen Mercedes-A-Klasse von Daimler werden beispielsweise 20 Bauteile aus Naturmaterialien eingesetzt, etwa in den Sitzen oder in Abdeckungen. Bei den starken Benziner-Modellen kommt beispielsweise ein Motordeckel aus Ökokunststoff zum Einsatz, der anders als seine auf Öl basierten Vettern imstande ist, den hohen Temperaturen im Motorraum standzuhalten. „Nicht nur bio, sondern auch besser“, kommentiert Kindervater die Materialeigenschaften des Neu-Kunststoffs.

Zusammen mit Bosch, BASF und den Fischerwerken hat Daimler zudem einen Kühlerventilator aus rein biobasiertem Polyamid entwickelt. Das spart Gewicht und ist zudem stabiler als das fossile Konkurrenzprodukt. Der Befestigungsspezialist Fischerwerke aus dem Waldachtal vermarktet zudem seit einiger Zeit Ökodübel über eine große Baumarktkette. Dort liegen sie hübsch drapiert in grünen Regalen und sollen so den Häuslebauer ansprechen, der auf Nachhaltigkeit setzt.

Ökokunststoff ist teurer

Sogar Weltkonzerne aus Übersee experimentieren nach Kindervaters Angaben gerade mit den Wunderstoffen aus der Rizinusbohne. Coca-Cola plant demnächst eine biobasierte Pet-Flasche, aus der die Welt das hauseigene Braungetränk schlürfen soll. Die Rohstoffe liefern Chemie-Größen wie Evonik, der niederländische Biotechnologie-Konzern DSM oder Dupont.

Durch die Markteinführung von 3-D-Druckern könnten die Gestaltungsmöglichkeiten von Biokunststoff auch für die Endverbraucher ins schier Unendliche erweitert werden. Die Geräte können das Bioplastik aus winzigen Düsen verspritzen und so unterschiedlichste Gegenstände formen.

Die Wunderstoffe rufen allerdings auch Kritiker auf den Plan. Sie befürchten ähnlich wie bei Biokraftstoffen, die ebenfalls aus pflanzlichen Ölen gewonnen werden, eine Konkurrenz zu Lebensmitteln. Zumal viele Mikroorganismen, die die Grundstoffe erzeugen, sich von Zucker und Stärke ernähren, die anderswo auch die Mägen hungernder Kinder füllen könnten.

Kindervater lässt das Argument nicht gelten. Die gefräßigen Mikroorganismen ließen sich auch mit Reststoffen wie Stroh und Holzschnitzeln durchfüttern, sagt er. Wenn sich Biokunststoffe durchsetzen, werde es in Zukunft keine organischen Abfälle mehr geben. „Alle Bioreststoffe werden dann in kleinen Bioreaktoren verwertet.“

Bleibt nur noch das Preisargument bestehen. Denn noch sind die Ökostoffe bis zu dreimal teurer als ihre Erdöl-Pendants. Berufsoptimist Kindervater bringt auch das nicht aus der Ruhe. „Dass Öl und Gas immer teurer werden, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“

Kommentar erstellen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>