Impulse aus Afrika und neue globale Denkansätze


NAIROBI  – Kann von Afrika ein Impuls für eine plastikfreie Welt ausgehen? Achim Steiner, Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep), sieht da durchaus Potenzial. Zwar glaubt der Nachfolger von Klaus Töpfer, der die UN-Organisation mit Sitz in Nairobi seit 2006 leitet, nicht, dass wir schon in 20 Jahren ganz ohne Kunststoff leben werden.

Aber der Kampf gegen die tägliche Flut der Plastiktüten ist dem Deutsch-Brasilianer schon länger eine Herzensangelegenheit. Und das nicht erst, seit uns Berichte hochschrecken, dass die gesundheitsgefährdenden Mikropartikel aus dem Müll jetzt sogar schon im Gardasee und in deutschen Flüssen zu finden sind – und über die Nahrungskette via fangfrischem Fisch in den menschlichen Körper gelangen können.

Der ranghöchste Deutsche bei den Vereinten Nationen blickt deshalb gerne ins derzeitige afrikanische Musterland Ruanda, das nicht nur in Sachen Wirtschaftsentwicklung und Stabilität heute vorbildlich für Afrika ist. Wer dort einreist, dem werden erst einmal die Plastiktüten weggenommen. Klingt rigoros, trägt aber dazu bei, dass in dem früheren Bürgerkriegsland die Plastiktüte immer mehr zum Fossil wird – genau so, wie es sich der 52-Jährige wünscht.
Denn eine wissenschaftliche Unep-Studie hat nicht nur ergeben, dass die Weltmeere mit 6,4 Millionen Tonnen Plastikmüll belastet sind, sondern auch, dass bereits 267 Meerestierarten mit Plastik-Mikropartikeln verseucht sind. „Allein bei 86 Prozent aller Meeres-Schildkröten sind solche Spuren nachweisbar, aber auch bei 44 Prozent der Seevögel“, sagt Steiner mit besorgter Miene. „Und manche Strände“, fügt er bei einem Gespräch am UN-Standort Nairobi kopfschüttelnd hinzu, „bestehen schon heute zu zehn Prozent aus Plastikpartikeln und nur noch zu 90 Prozent aus Sand.“

In Europa und den USA verbraucht jeder Bürger rund 100 Kilo Plastik pro Jahr – ob gewollt oder ungewollt auch durch die Flut von Lebensmittelverpackungen, die nicht einmal mehr vor Bioläden Halt machen. In Ruanda hingegen sind sie auf den Märkten, wo die Menschen ihre Lebensmittel meist kaufen, verboten.

Das haben sich auch Länder in der Region wie Kongo-Brazzaville zum Vorbild genommen. So berichtete Isabell Kempf vom Unep-Programm stolz der NZ, dass sie auf dem Markt von Brazzaville viele Verkäuferinnen gesehen habe, die Obst und Gemüse jetzt wieder wie früher statt in Plastiktüten entweder in Papier oder in Bananenblätter einpacken.

Dass es den Vereinten Nationen ernst mit dem Thema ist, zeigte auch eine globale Unep-Konferenz Anfang Oktober auf Jamaica, bei der das Thema Mikropartikel im Plastik wissenschaftlich diskutiert wurde. Noch ist Plastik nicht aus der Welt, und es gibt noch viel zu tun für die UN-Umweltbehörde.

Beim Blei in Autoabgasen hingegen hat die Organisation schon das Maximum dessen erreicht, was möglich ist, freut sich Steiner. „Durch das internationale Abkommen von 80 Ländern, Blei aus dem Benzin zu verbannen, konnten wir einige der größten durch Umweltverschmutzung ausgelösten Gesundheitsrisiken reduzieren.“

In Zahlen: Bleifreies Benzin vermeidet 1,2 Millionen Todesfälle pro Jahr – und schützt 125000 Leben von Kindern. Es hat aber auch Auswirkungen aufs soziale Zusammenleben: Denn Blei im Blut erhöht nachweislich die Aggressionsbereitschaft – sogar erhöhte Kriminalitätsraten waren dadurch nachweisbar, wie Steiner aus einer Studie zitiert. Zudem konnte es das ADHS-Syndrom bei Kindern auslösen. Noch immer ist Blei aber in manchen Farben enthalten, die in nur noch wenigen Ländern zugelassen sind. Damit soll sich eine eigene Konferenz in diesem November befassen.

Der größte Erfolg der Umwelt-Organisation sei aber natürlich das Montrealer Abkommen über Stoffe, die zu einem Abbau der Ozonschicht führen – 193 Nationen auf einen Nenner zu bringen, das dauere eben seine Zeit, sagt Steiner – auch wenn er sich selbst eher als „ungeduldig“ bezeichnet.

Steiners Vision von einer sauberen Umwelt basiert keineswegs auf einer Verbotspolitik, die eine UN-Behörde mit 400 Mitarbeitern und einen für 2014 voraussichtlich auf 57 Millionen US-Dollar aufgestockten Jahresetat ohnehin nicht durchsetzen kann.

Vielmehr ist es Steiners Anliegen, die Umweltprobleme durch eine Synthese von Ökologie und Ökonomie zu lösen. „Wir müssen unsere Politik und Wirtschaft neu ausrichten, die gesamte Weltinfrastruktur neu erfinden“, sagt Steiner. Und zwar so, „dass unser Wohlstand dabei nicht verloren geht“.

Ein hehres Vorhaben, aber das Konzept einer „Grünen Ökonomie“, das die Unep ausgearbeitet hat, zeigt, wie sich Umwelt und Wirtschaft so miteinander verbinden lassen, dass keiner verliert. Denn auch Steiner, der im Juni 2014 auf eine Vertragsverlängerung hoffen darf, will und kann in Zukunft nicht auf smarte Anzüge, Flüge und einen angenehmen Lebensstandard verzichten.

Zur Lebensqualität gehört es für ihn aber in jedem Fall, die Natur genießen zu können. Dazu sind nicht etwa nur die atemberaubenden Naturparks bei ihm um die Ecke in Kenia ideal – wo zu seinem großen Entsetzen immer noch Wilderei stattfindet. Für den Paten der Nürnberger Eisbärin „Flocke“ gehören dazu auch Zoos in aller Welt. „Man kann viel darüber streiten, wie Tiergärten gemanagt werden,“ sagt er. „Aber ich bin ein großer Fan von ihnen, weil man dort in intensiven Kontakt mit der Natur und dem Artenschutz treten kann.“

Und auch wenn Flocke längst von Nürnberg nach Südfrankreich umgezogen ist, in Steiners Herzen hat sie weiterhin einen festen Platz. In Stofftierform sitzt sie auf seinem Schreibtisch in Nairobi. „Und wenn die echte Flocke einmal Hilfe bräuchte, dann wäre ich wie ein Pate natürlich jederzeit für sie da“, versichert er.

Die Recherchen wurden aufgrund einer Journalistenreise nach Kenia auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) e.V. ermöglicht. Weitere Informationen unter dgvn.de. Homepage des bayerischen Landesverbandes, in dem OB Ulrich Maly Präsidiumsmitglied ist: dgvn-bayern.de. Weitere Teile folgen im Rahmen einer kleinen Serie. (Quelle auch: dgvn.de)

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