Plastik aus Pflanzen – eine Alternative?


Coca-Cola, der Inbegriff eines gewinnorientierten Konzerns, will bald nur noch Flaschen verkaufen, deren Material zum Teil aus Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben besteht. Bereits zehn Milliarden solcher Mischflaschen wurden in den vergangenen sechs Jahren abgefüllt. Das ist noch ein sehr kleiner Anteil. Er soll in den kommenden Jahren weiter wachsen.

Normalerweise wird Plastik aus Erdöl gewonnen, doch das wird langsam knapp, und die Preise steigen. Herkömmliches Plastik könnte deshalb irgendwann zu teuer werden. Bei Coca-Cola geht man jedenfalls davon aus, dass die Kosten bei Pflanzenmaterialien langfristig stabiler bleiben.

Das überzeugt nicht nur den Getränkekonzern, sondern auch viele andere Firmen, mit Bioplastik zu experimentieren – viele verdienen damit bereits Geld. So verkauft etwa die Bayer AG einen Kunststoff an die Industrie, der zu einem großen Anteil aus nachwachsenden Rohstoffen besteht. Er wird unter anderem für Sohlen von Sportschuhen eingesetzt. Weil inzwischen immer mehr Unternehmen Bioplastik einsetzen oder erforschen, steigen die Produktionskapazitäten: Bis zum Jahr 2016 sollen sie sich verfünffachen.

Zurzeit aber werfen allein die Deutschen jedes Jahr noch etwa 5,5 Millionen Tonnen herkömmliches Plastik auf den Müll. Oft landet es zunächst sogar dort, wo es ganz und gar nicht hingehört: in Wäldern, an Straßenrändern oder im Meer. Das ärgert nicht nur Umweltschützer, sondern bringt auch Unternehmen auf neue Ideen: Sie entwickeln beispielsweise kompostierbaren Kunststoff, der sich langsam auflöst – wo immer er am Ende auch strandet.

Selbst kleine Betriebe sehen ihre Chance. So wie das Start-up von Ute Zimmermann. Ihr österreichisches Unternehmen NaKu, kurz für Naturkunststoffe, verkauft nur Produkte aus Bioplastik, das aus natürlichen und nachwachsenden Stoffen gewonnen wird und verrotten kann. Ute Zimmermann hat zum Beispiel Brotdosen im Programm, aber auch Frischhaltebeutel und Flaschen. Sie sagt, ihr sei besonders wichtig, dass ihre Produkte keine schädlichen Chemikalien enthielten. Reguläre Plastikflaschen werden unter anderem deswegen kritisiert, weil sich hormonhaltige Substanzen lösen könnten, die man womöglich mittrinkt. Gesund wäre das wahrscheinlich nicht.

Die Unternehmerin experimentiert selbst mit Biokunststoff, am Anfang auch schon mal in Nacht-und-Nebel-Aktionen. “Da waren wir froh, wenn uns jemand die Hintertür zu einer Fabrik aufgeschlossen hat und wir an den Anlagen testen konnten”, sagt sie.

Die Waren zu vermarkten ist für das kleine Unternehmen allerdings nicht einfach. Abnehmer für ihre Produkte sind bis jetzt vor allem einzelne Bioläden. Ihre kompostierbaren Flaschen sind noch gar nicht im Einzelhandel erhältlich. Kunden können sie nur im Internet bestellen.

Das italienische Mineralwasserunternehmen Sant’Anna verwendet kompostierbare Flaschen bereits im großen Stil. Nach eigenen Angaben habe man bis jetzt mit 650 Millionen hergestellten Bioflaschen über 21 Millionen Liter Erdöl eingespart. Und im US-amerikanischen Iowa benutzen Farmer Milchkanister, die vollständig auf Stärkebasis hergestellt werden.

In Deutschland lag der Anteil von Verpackungen aus Biomaterialien bei der letzten Erhebung 2009 unter einem Prozent. Oft sind die Produkte zu teuer, oft auch noch nicht ausgereift. Die Drogeriekette Ihr Platz musste zum Beispiel kompostierbare Flaschen wieder vom Markt nehmen – sie hatten zu viele Mängel. Säure in Säften oder auch Kohlensäure setzt solchen Flaschen zu.

Nur weil die Produkte biologisch abbaubar sind, heißt das noch lange nicht, dass man sie einfach auf den Komposthaufen werfen kann. Dort würde sich das Material zwar nach und nach zersetzen, bei Flaschen aber dauert der Abbau bis zu drei Monate. Das ist den meisten Abfallentsorgern zu lang. Deswegen nehmen sie die Biokunststoffe nicht an. Am Ende landet das Bioplastik daher oft – zusammen mit den herkömmlichen Stoffen – in der Verbrennungsanlage. Aus diesem Grund hat das britische Unternehmen Belu Water im vergangenen Jahr die Produktion solcher Flaschen aus Pflanzenmaterialien gestoppt. Es setzt nun vor allem auf Recycling.

Dazu kommt: Nicht einmal alle Umweltexperten sind davon überzeugt, dass die alternativen Stoffe wirklich ökologische Vorteile haben. Im Bundesumweltministerium heißt es: “Die Kunststoffe sind gesamtökologisch bestenfalls ähnlich zu bewerten wie konventionelle Kunststoffe.” Sie brächten einige Nachteile mit sich: Boden und Wasser würden überdüngt, um die Rohstoffe schnell nachwachsen zu lassen. Wenig Vorteilhaftes zeigt auch die jüngste Studie des Bundesumweltamtes zu Biokunststoffen. Demnach hätten sie zwar eine bessere Klimabilanz, allerdings schnitten sie bei anderen Umweltfaktoren schlecht ab. Bei ihrer Herstellung etwa werde mehr Feinstaub ausgestoßen.

Die Bioplastikhersteller sehen sich noch einer weiteren Kritik ausgesetzt: Angesichts der Hungersnöte in der Welt scheint es vielen unverständlich, dass aus Rüben und Mais ausgerechnet Plastik werden soll. Kristy-Barbara Lange vom europäischen Bioplastikverband hält dagegen: “Wir sind längst nicht im kritischen Bereich. Unsere Branche ist noch sehr klein.” Man wolle aber auch Alternativen finden.

So erforschen etliche Unternehmen inzwischen, wie sie Bioplastik aus Lebensmittelresten gewinnen können, neuerdings sogar aus Fettresten, die bei Schlachtbetrieben liegen bleiben. “Die Entwicklungen müssen erst getestet werden, und das braucht Zeit”, sagt Lange.

Die Verbandssprecherin möchte auch nicht gleich aus jedem Plastikprodukt ein ökologisch abbaubares machen. Manche Kunststoffwaren wie Wäschewannen, Lampen oder Armaturenbretter im Auto sollen lange halten und stabil bleiben. Und das kann herkömmliches Plastik leisten. Dennoch betont sie den entscheidenden Vorteil von Bioplastik: Es schont das Klima. Nach Berechnungen des Verbandes werden bei der Produktion des biologischen Kunststoffes 30 bis 70 Prozent weniger CO₂ ausgestoßen – berücksichtigt man das Material, die Anwendung und die Lebensdauer des Produkts.

Um langfristig weiterzukommen, findet Unternehmerin Ute Zimmermann, müsse man klein beginnen: “Wenn unsere Flasche im Meer landet, ist sie wenigstens nach 15 Jahren verrottet.” Und nicht nach 300 Jahren, so wie konventionelles Plastik.

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