Presseerklärung: Plasticontrol zum Projekt “The Ocean Clean Up”


Mit seinem Projekt ‘The Ocean Cleanup’ will der Amsterdamer Student Boyan Slat den Plastikmüll aus dem Meer holen. Plasticontrol begrüßt das Engagement des jungen Niederländers, allerdings müssten in erster Linie die Ursachen der Plastikverschmutzung beseitigt werden.

Vermutlich 100 Millionen Tonnen Plastikmüll treiben inzwischen in den Weltmeeren, zu den Mengen liegen unterschiedliche Schätzungen vor. Jährlich werden weltweit 200-250 Millionen Tonnen Plastik produziert, wovon Millionen Tonnen im Meer landen. Etwa 70 Prozent des Kunststoffmülls sinken laut UN-Umweltprogramm (Unep) auf den Meeresboden, vom Rest endet etwa eine Hälfte an den Küsten, die andere treibt auf den Meeresoberflächen. Auf jedem Quadratkilometer finden sich im Schnitt rund 13 000 Plastikpartikel.

Boyan Slat sammelte per Crowdfunding Spenden für die Umsetzung seines Plans. Knapp 1,5 Millionen Dollar hat er schon zusammen. Und das ist sein technisches Projekt ‘The Ocean Cleanup’: Boyan Slat hat eine Plattform entworfen, die den pazifischen Ozean vom Plastikmüll befreien soll. In der über 500 Seiten langen Machbarkeitsstudie, die er mit rund 100 Wissenschaftlern und Freiwilligen erstellt hat, präsentierte er unlängst sein Design: Die von Slat und seinem Team vorgeschlagene Technik basiert auf dem Einsatz von 24 Plattformen, die mit langen, rohrförmigen Pontons verbunden sind. Die V-förmig angeordneten Plattformen fungieren wie gigantische Fangarme, sie treiben auf der Meeresoberfläche und sammeln dort den Plastikmüll ein, der durch die natürliche Wasserströmung an sie herangetrieben wird. Die Wirbel sollen sich sozusagen selbst säubern. Die Plattformen werden am Meeresboden verankert, der im Mittel 4000 Meter unter der Wasseroberfläche liegt. Bisher sind die längsten üblichen Anker-Systeme maximal 2500 Meter lang. Der niederländische Hersteller Vryhof Anchors habe allerdings bestätigt, dass auch eine 4000-Meter-Version machbar sei, heißt es in der Studie. Auch die Sturmfestigkeit der Anlagen sei erreichbar, behauptet Slats Crew. Die Fangarme habe man so konstruiert, dass 95 Prozent der Stürme aushalten können. Bei noch stärkerer Belastung sollen sie abgekoppelt und bei ruhigerem Wasser dann wieder eingesammelt werden. Es wäre das größte Bauwerk, das je im offenen Ozean installiert wurde. Der Abfall soll dann auf den Plattformen gelagert und per Schiff alle 45 Tage an Land befördert werden. Das Konzept arbeitet bewusst nicht mit Netzen. Dadurch soll verhindert werden, dass Plankton und andere Meeresbewohner beim Durchkämmen des Meeres in Mitleidenschaft gezogen werden. Für die Beseitigung eines der 5 Müllwirbel veranschlagt der junge Holländer jeweils 5 – 10 Jahre.

Dazu kommt der Faktor Wirtschaftlichkeit: Durch die thermische Verwertung oder Recycling und Herstellung neuer Produkte aus dem Sekundärkunststoff könne das Projekt zumindest teilweise finanziert werden, glaubt der Holländer. So könne man das Plastik an Land recyceln und darüber einen Teil der Kosten in Höhe von geschätzten 317 Millionen Dollar decken, heißt es in der Machbarkeitsstudie.

Ein Test mit einem 40 Meter langen Test-Fangarm vor den Azoren sei positiv verlaufen, so das Projektteam. Allerding haben Slat und sein Team wohl ganze vier Plastikteile einfangen, die er vorher selbst ins Meer geworfen hatte. Es soll nun ein voll funktionsfähiger Prototyp einer Sammelanlage gebaut werden. Dafür braucht Slat nach eigenen Angaben 2 Millionen US-Dollar, 1,4 Millionen Dollar hat er bereits über Crowdfunding gesammelt.

Plasticontrol begrüßt grundsätzlich dieses Projekt und den Erfolg in der Öffentlichkeit – allerdings warnen wir auch vor zu hohen Erwartungen. Das Konzept klingt nach einer einfachen Lösung für ein hoch komplexes Problem. Und eine aufregende Idee, die viele Unterstützer aktivieren kann. Allerdings ist es völlig illusorisch, gigantische Meeresgebiete komplett von Plastikmüll zu säubern. Zudem besteht die Herausforderung des Mikroplastiks, also die Kleinstpartikel, die durch den Zerfall größerer Plastikteile durch Umwelteinwirkung im Meer entstehen und meist in tiefere Regionen der Meere absinke. Diese machen einen Großteil des Plastikmülls in den Meeren aus, gegen das Mikroplastik kann allerdings Boyan Slats Plattform kaum etwas ausrichten – dies bestätigt auch seine Studie.

Zudem bleibt fraglich, ob die Vorrichtung größeren Stürmen und Monsterwellen Stand halten kann. Als weiteres Problem sehen die Forscher die Verkrustung durch Meeresorganismen. Dies könnte die Barrieren beschädigen und unbrauchbar machen.

Wir befürchten weiterhin, dass sich die Kunststoff-Industrie durch technologische Projekte zum Sammeln von Plastikmüll in den Ozeanen aus der Verantwortung zieht. Motto: Wir produzieren und ihr sammelt.

Die weniger aufregende Lösung liegt in der Errichtung eines globalen Abfallmanagements, der Vermeidung von Plastik im Konsum und dem Einsatz von wasserlöslichen Bioplastik. In Ländern, in denen eine Müllvermeidungsstrategie und Kreislaufwirtschaft für Abfälle aus wirtschaftlichen oder kulturellen Gründen bisher nicht existiert, müssen sie möglichst schnell eingeführt werden, und wir sollten dort Hilfestellungen leisten. In Regionen oder Wirtschaftsbereichen, in denen es entsprechende Vorschriften und politische Zielsetzungen bereits gibt, sie aber nicht wirksam umgesetzt werden, muss der Druck dafür erhöht werden. Zum Abfallmanagement sollten auch Filterungen an Flussmündungen gehören. Hier engagiert sich insbesondere der Verein Plasticontrol.

Das parallel Projekte zur Minimierung des vorhandenen Plastikmülls in den Meeren entwickelt werden, wie von Boyan Slat, ist immer sinnvoll, solange das Problem auch zeitgleich an der Wurzel gepackt wird und die Ursachenbeseitigung grundsätzlich im Vordergrund steht. Die Kurzfassung der Machbarkeitsstudie für das Projekt schließt mit dem Satz: „Die weitere Verschmutzung der Meere mit Plastik muss radikal vermindert werden.“ Da sind wir und einig.